"Schule der Arbeitslosen"

Frage: Zitat: Sch%26ouml e neue Welt
Joachim Zelters Roman %26quot chule der Arbeitslose quot; als Szenario f%26uuml;r die auml;chsten zehn Jahre
Cornelia Gei ler

Waren das noch Zeiten, als Schriftsteller mit dem Bergwerk oder dem Flie zlig and das wahre Leben zum Thema ihrer uuml;cher machen wollten: in der DDR auf dem Bitterfelder Weg und im Westen im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt.

Und heute? Wer arbeitet schon noch in der Produktion? Wen intere iert die Produktion? Literatur der Arbeitswelt, das ist heute ein Buch wie Kathrin R%26ouml;gglas "Wir schlafen nicht", de en Akteure mit dem Computer leben und von "content" und Kommunikation bestimmt sind. Oder die Romane Er t-Wilhelm h%26auml dlers, in denen die helden hoch qualifiziert sind und %26uuml er die Schicksale ganzer Firmen entscheiden. Die Arbeit hat sich ver%26auml dert - und obwohl die Berufst%26auml;tigen noch immer die Mehrzahl der Bev%26ouml;lkerung stellen, ist Arbeit zu haben heute nicht mehr sel tverst%26auml dlich.

Kein Wunder, da nun langsam die Arbeitslosen in die Literatur kommen. Wilhelm Genazinos Schuhtester in "Ein Rege chirm f%26uuml;r diesen Tag" hat zwar eine Besch%26auml;ftigung, aber sie ent richt nicht seiner Qualifikation: Mit Luxu chuhen probeweise durch die Stadt zu laufen ist kein Beruf. Der held in Jako hei neuem Buch "herr Je en steigt au quot; hat fast zehn Jahre in seinem Studentenjob als Postbote verharrt. Die Entla ung st%26uuml;rzt ihn in die Verzweiflung und f%26uuml;hrt am Ende in die Verweigerung gege uuml er der Bundesagentur f%26uuml;r Arbeit, die ihm nur Qualifizierungsma zlig ahmen, aber keine Arbeit vermitteln ka .

De eigentlichen Roman zur Zeit hat Joachim Zelter geschrieben. Er besch%26ouml igt nichts. Er l%26auml t es nicht zu, die Ursache f%26uuml;r Arbeitslosigkeit in per ouml lichen Unzul%26auml glichkeiten zu sehen. Er nimmt das heer der Arbeitslosen als gesellschaftliche Ma e, mit der keiner mehr irgendetwas anzufangen wei zlig;.

Zelter erz%26auml;hlt vom planm%26auml zlig;igen Versuch der Bundesagentur f%26uuml;r Arbeit, gro zlig;e Gru en von Arbeitslosen aus der Statistik zu holen, indem sie zur Qualifizierung geschickt werden - in eine %26quot chule der Arbeitslose quot;, wie auch das Buch hei zlig;t. Und obwohl sein Buch im Jahr 2016 angesiedelt ist, wirkt es der Realit%26auml;t bedrohlich nahe. Ja, es ka beim Lesen einen %26auml;hnlichen Effekt haben wie vor Jahren Aldous huxleys %26quot ch%26ouml e neue Welt" oder George Orwells "1984". De so ge e tisch Zelters Szenario sein mag, es hat seinen dicken wahren Kern.

Der promovierte Anglist Zelter, 1962 in Freiburg geboren, ver%26ouml;ffentlicht seit 1997 seine Erz%26auml;hlungen und Romane im Zwei-Jahres-Rhythmus. Sie greifen Zust%26auml de und Lebe weisen der Gegenwart auf; Zelter gibt ihn aber gern einen Dreh i A urde. Die %26quot chule der Arbeitslose quot; ist thematisch sein brisantestes Buch und auch stilistisch sein bestes.

Mit tr%26uuml;gerischer uuml;chternheit f%26uuml;hrt Zelter in die handlung ein. Eine Gru e von Me chen bekommt vom Jobcenter als letzte Chance die Aufforderung, sich auf eine dreimonatige Qualifizierungsma zlig ahme zu begeben, in eine Schule der Arbeitslosen. Diese ist milit%26auml;risch streng organisiert. Die Sch%26uuml;ler, Trainees gena t, sind in Teams und auf verschiedene h%26auml;user aufgeteilt, die mehr oder weniger bedeutungsvolle Namen tragen, "Apollo" zum Bei iel, aber auch "hartz". Der Tagesablauf ist streng geregelt, vom Laut recher-Weckruf %26uuml er den Unterricht, die Aufnahme von Nahrung aus Automaten bis hin zu einem Nachmittag chl%26auml;fchen (%26quot ower Na ing"), das die Sch%26uuml;ler bekleidet auf ihren Betten (nicht unter der Bettdecke!) hinter sich bringen d%26uuml;rfen. Abgesehen von gelegentlichen handy-Telefonaten werden den Arbeitslosen keine individuellen Bed%26uuml;rfni e zugestanden. Joachim Zelter begreift sein Personal als Ma e. Schlie zlig;lich ka man bereits heute die allmonatliche Arbeitslosen-Statistik nicht anders als ein a traktes Zahle iel wahrnehmen.

Zur handlungszeit des Buches gibt es keine offizielle Statistik mehr. Die Sch%26uuml;ler mutma zlig;en, ob es sechs Millionen sind oder schon acht oder gar zehn. Das ist f%26uuml;r einige sogar mit einer hoffnung verbunden: "An einer solchen Zahl ka niemand vorbeisehen. Nicht einmal der Bunde r%26auml ident. Zehn Millionen! Das ist keine Minderheit mehr, sondern bald die Mehrheit. Gegen eine Mehrheit k%26ouml en sie nicht angehen."

Aber es ist nicht so, da sich diese Mehrheit irgendwie organisieren w%26uuml;rde. Im Buch genauso wenig wie im Leben. Im Buch sind die Arbeitslosen ganz gut beaufsichtigt, was sehr an Orwells "1984" eri ert. Nicht nur dieses Wiedererke en, auch so manche Losung in der Schule l%26auml t einem Schauer den R%26uuml;cken hinunter laufen. "Work is freedom" hei zlig;t es da, was an die Auschwitz-Parole "Arbeit macht frei" eri ert. Die K%26auml;fighaltung der Trainees auf dem Schulgel%26auml de hat nat%26uuml;rlich etwas Faschistoides. In der Diktion der Lehrer arbeiten die Sch%26uuml;ler sogar, de das Finden einer m%26ouml;glichen freien Stelle wird %26quot ucharbeit" gena t. So sollen sie Todesanzeigen studieren, um hinweise auf die Arbeit telle des Verstorbenen zu finden und sich da dort bewerben - bevor die Stelle ausgeschrieben werden ka .

Bewerbungstraining ist das hauptfach der Schule; im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der Lebe lauf. hier kommt es nicht auf Wahrhaftigkeit an, sondern auf %26Uuml erzeugungskraft. Deshalb werden alle L%26uuml;cken gef%26uuml;llt und Schwachstellen ausgebe ert. Lebe lauf-Schreiben ist "angewandte Literatur", sagt der aalglatte Dozent. Zwei Sch%26uuml;ler, ein Ma und eine Frau, die schamlos die als Belohnung gedachte Weekend-Suite als Ort zum Unterhalten ausgenutzt haben, werden de auch durch zu auml;tzliches %26quot iografisches Arbeite quot; bestraft. Aber da kommt alles noch viel schlimmer. Im Stakkato f%26uuml;hrt Joachim Zelter die Sch%26uuml;ler einem Ziel zu, das ihnen zwar keine Arbeit, der Statistik aber dauerhafte Entlastung bringt.

Wer den Roman liest, wei zlig;, da irgendwa der Pillenknick die Situation ver%26auml dert. Nicht umso t d%26uuml;rfen sich die heute Vierzigj%26auml;hrigen an den Gedanken gew%26ouml;hnen, bis 67 zu arbeiten, we sie nicht zwischenzeitlich mit 45 als zu alt au ortiert werden. Also sieht es im Jahre 2016 doch hoffentlich viel friedlicher aus als in Zelters Buch. Aber es sollte ja auch keine handlungsanweisung sein, nur ein Roman. Als solcher ist er heute be%26auml gstigend aktuell.

Joachim Zelter: %26quot chule der Arbeitslosen. Ein Roman." Verlag Kl%26ouml fer %26am Meyer, T%26uuml ingen 2006. 207 Seiten, 19,90 Euro.
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